Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden · SZBZ 29.11.2017

Rotbäckchen mit Blutverlust

 

Dätzingen: Das Diogenes Streichquartett im Maltesersaal

Mehr Hochdramatisches als Feierliches spielte sich als Begleitmusik zum Totensonntag im Maltesersaal ab. Denn auf dem Programm des Diogenes-Streichquartetts aus München stand als Hauptwerk das d-moll Streichquartett, bekannt unter dem Beinamen „Der Tod und das Mädchen“.

Franz Schuberts Opus D 810 hat nicht nur diesen Extratitel, der auf Verwendung des Todesthemas aus dem einige Jahre zuvor von ihm vertonten Gedicht von Matthias Claudius „Der Tod und das Mädchen“ zurück geht. Es zählt auch zu den meist eingespielten Quartettstücken überhaupt.

Das seit 1998 bestehende Diogenes Quartett macht die Popularität des Stücks deutlich. Es ist die Anziehungskraft des ewig wiederkehrenden Themas des Abwehrkampfes gegen den Tod. Der Reiz von Schuberts Stück liegt nicht zuletzt darin, dass sich das Quartett mit nur einer kleinen Akzentverschiebung zwischen zwei Fundamentalbereichen bewegt: Die Sexualität wird lediglich durch die Erotik ersetzt. Ständiger perspektivischer Wechsel, zwischen süßem Locken und drohend tödlichem Krallengriff gibt dem Stück seine unglaubliche Dynamik, unterbrochen von Zäsuren, etwa dem langsamen Satz, den das Diogenes Quartett an entscheidenden Stellen zu entblättern versteht und damit ein fahler Klang, wie ein bleiches Gerippe aufzieht.

Dieser Schubert macht aber auch deutlich, um was es dem Ensemble geht: Es setzt Vibrato sparsam ein, der Ton ist damit vergleichsweise klar, die Phrasierung setzt mehr auf die Schönheit des Schlichten als auf fettstrotzende Kalorienbomben. Naschkatzen mit Hang zu Süßlichem werden andere Quartette wohl bevorzugen. Dank orchestralem, in Schuberts Spitzen metallisch angereichertem Volumen aber entfesselt das Quartett eine unwiderstehliche Dramatik.

Als Meister der fein gewogenen Klangmixtur zeigt sich das Quartett um Primarius Stefan Kirpal mit dem 1923 entstandenen Streichquartett Nr. 1 von Leos Janacek, das eher eine Art Bühnenbild entwirft für die der Komposition zugrunde liegende Novelle „Kreutzersonate“ Tolstois, eines Ehe- und Beziehungsdramas mit tödlichem Ausgang.

Dabei überrumpelt das Quartett das Publikum mit dem ersten Akkord: Das Ensemble kommt wie ein schnaufendes Piazzolla-Bandoneon daher, schlüpft in der Folge auch mit ungewöhnlichen Spieltechniken in mannigfache Klangvarianten. Der Gesamtverlauf zu fortschreitender Ungemütlichkeit und Steigerung ins Katastrophische mag unbestreitbar sein, eine ähnlich deutliche Abbildung des literarischen Programms wie etwa bei Schönbergs „Verklärte Nacht“ ist Janaceks Kreutzersonate aber nicht.

Aber was steckt hinter der Ouvertüre? Denn den Abend eröffnet hatte ein für die damaligen Verhältnisse mehr als merkwürdiges Stück Beethovens (op. 18 Nr. 6), das nach seinem unbeschwerten Eingangssatz einen langsamen Satz bringt, dessen Rotbäckchenidylle plötzlich ganz ungesunden Blutverlust erleidet, klangfarblich herrlich ausgedörrt vom Diogenes Quartett.

Dem folgt ein rhythmisch verrückt-verbogenes Scherzo, das in ein Finale mündet, dessen langsame Einleitung Beethoven mit „La malinconia“ überschreibt, „Melancholie“ zu deutsch. Diese lähmend gedrückte Einleitung kehrt auch wieder im ausgelassenen Allegretto-Schlusspart, den Beethoven mit seinen beschleunigten Schlusstakten beinahe in der totalen Überdrehung münden lässt. Das Diogenes Quartett arbeitet diese Extreme so nachdrücklich heraus, dass man schon ins Grübeln gerät: Wenn nicht der Tod, so zumindest das Bild einer bipolaren Störung könnte hier Pate gestanden haben.