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Erstklassige Interpreten (hier die Gebrüder Pochekin) aber becheidene Publikumsresonanz in der Dätzinger Leonhardskirche Foto: Gaetano Di Rosa

 

Merkwürdig: 

Wären diese Musiker in der Stuttgarter Liederhalle aufgetreten, wäre der Mozartsaal mit seinen über 700 Plätzen sicher gut gefüllt gewesen. In der Dätzinger Leonhardskirche war es anders: Im Kirchenraum blieben beim "Fest der Kammermusik" viele Plätze frei.

Artikel vom 02. Juni 2019 - 15:24

Von Jan Renz

DÄTZINGEN. Namhafte Instrumentalisten hatten am Samstag den Weg nach Dätzingen gefunden: Rainer Schmidt ist seit 1987 zweiter Geiger des Hagen Quartetts, einer der führenden Kammermusikformationen der Welt. Wen-Sinn Yang war Solo-Cellist des Symphonieorchesters des Bayrischen Rundfunks, heute ist er gefeierter Solist, Professor an der Münchner Musikhochschule und seit vielen Jahren Dozent bei der Cello Akademie in Rutesheim, wo er auch auftritt.

Das Konzert in Dätzingen begann mit zwei Brüdern: dem Geiger Mikhail Pochekin und dem Bratscher Ivan Pochekin. Beide hat man schon in Schloss Dätzingen gehört. Sie eröffneten den Abend mit einem Duo in C-Dur von Michael Haydn (MH335), sehr aufgeweckt und agil, dazu mit geschliffenem Klang, quirlig tönte das Schluss-Rondo.

Geistreich erklang danach Musik des Bruders Joseph Haydn, das London Trio Nr. 3 G-Dur, in einer Deutung voller Esprit. Geige spielten Rainer Schmidt und Mikhail Pochekin, am Cello saß Simon Tetzlaff. Haydn war der Vater des Streichquartetts, und an Haydn knüpft der charmante frühe Mozart an. Vor der Pause erklang von Mozart das liebenswürdige Streichquartett in C-Dur KV 157. Entstanden ist es mit einigen anderen Quartetten auf Mozarts dritter Italienreise im Winter 1772/73, es ist schon ganz unverwechselbarer Mozart, mit wunderbaren Eingebungen. Filigran und lebendig wurde das wiedergegeben. Wen-Sinn Yang saß am Cello, die Pochekinbrüder und Rainer Schmidt waren seine Mitstreiter. Im Finale hörte man die Kammermusikerfahrung der Akteure: Auch bei höchstem Tempo blieb das Zusammenspiel präzise. Am Ende ein kurzes und knackiges Finale.

Die folgende Komposition stand ebenfalls in C-Dur, führte aber in eine ganz andere Welt, sie war das Ha

 

Markige Passagen und Momente der Stille

"Wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen?", fragte der junge Schubert. Von der Wiener Klassik ausgehend, fand er einen ganz eigenen Weg. Das Quintett wurde erst 22 Jahre nach der Entstehung (1828) uraufgeführt. Es ist eine Kostbarkeit, ein kleines Wunderwerk, so lang wie eine ausgewachsene Sinfonie. Der Tübinger Musikwissenschaftler Arnold Feil gerät ins Schwärmen: "Eines der großen, eines der unbeschreiblich herrlichen Werke der abendländischen Musik". Es ist ein Hauptwerk Schuberts und der Kammermusikliteratur.

Die Zuhörer erlebten in der Dätzinger Kirche eine aufregende, facettenreiche Deutung auf höchstem Niveau. Jeder der fünf Musiker brachte seinen besonderen Ton ein, mit größtem Engagement formten sie diese Musik. Sie kommt aus der Stille, organisch fließt sie dahin. Es gibt satte und ganz leichte Klänge. Einmal entdeckt man eine Wendung aus der letzten Klaviersonate, die zeitgleich entstand. Man erlebt immer wieder Momente des Verweilens, des Innehaltens, der Introspektion. Nach innen führt vor allem der zweite Satz, "vielleicht das kühnste, originellste und geheimnisvollste Stück, das Schubert geschrieben hat" (so Arnold Feil). Behutsam und einfühlsam wurde er wiedergegeben. Er weist schon auf die langsamen Sätze Gustav Mahlers voraus. Nach einem kraftvollen Mittelteil gibt es Momente der Stille. Markig stampft der dritte Satz, leicht melancholisch schwebt der letzte vorüber. Diese Interpretation bestach durch ein Höchstmaß an Vielgestaltigkeit und Dramatik.

Stille nach dem letzten Akkord. Dann bricht ein Beifallssturm los, mit vielen Bravos. Fürwahr ein Fest der Kammermusik.