Kunstlieder im Schloss Dätzingen: Wohlige Schwermut
KRZ Artikel vom 18. November 2018 - 18:56 Von Bernd Epple

 

Ein außergewöhnliches Trio aus Berlin präsentierte am Samstagabend im Schloss Dätzingen Kunstlieder

Der Sänger Sebastian Noack (rechts) und der Pianist Manuel Lange überzeugten am Samstagabend mit ihren Kunstlied-Darbietungen im Dätzinger Maltesersaal Foto: Bernd Epple

Lieder des Tages - Blumen der Nacht: Rund 70 Besucher kamen am Samstagabend zu einem Kunstliedabend im Maltesersaal des Dätzinger Schlosses, um vorwiegend schwermütigen Gedichten in gesanglicher und pianistischer Bearbeitungen der Extraklasse zu lauschen.

DÄTZINGEN. Kunstlieder werden generell auf Lyrik komponiert. Der große Komponist dieses Musikstils war zweifelsohne Franz Schubert (1797-1828). Er vertonte unter anderen zahlreiche Gedichte von Ernst Konrad Friedrich Schulze (1789-1817), Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und Johann Mayrhofer (1787-1836).

Mit letzterem verknüpften ihn auch freundschaftliche Bande, was die musikalische Umsetzung von dessen Lyrik besonders authentisch beeinflusste. Sie lebten sogar gemeinsam in einer "Wohngemeinschaft". Nach Schuberts Tod war Mayrhofer bald des Lebens überdrüssig und beende es selbst mit einem Sprung aus dem Fenster.

Das ist eine der Geschichten, die im Maltesersaal vom 50-jährigen Komponisten Marius Felix Lange zu erfahren waren. "Das Besondere am heutigen Abend ist, dass der Komponist noch lebt", kündigte Veranstalterin Marion Koepf vom Kulturkreis Grafenau den Zwillingsbruder von Pianist Manuel Lange an. Entgegen der Presseankündigungen, dass sich beide zum Verwechseln ähnlich sähen, musste sie korrigieren: "Marius war beim Friseur, Manuel nicht".

Der Komponist trat daraufhin nach vorne und würdigte Franz Schubert als den größten Liedkomponisten aller Zeiten. Das folgende Programm wurde von jeweils fünf Schubert-Liedern eingerahmt; im Mittelteil standen die Kompositionen Langes, bei denen er sich, mit einer Ausnahme, ausschließlich der Gedichte Theodor Storms (1817-1888) bediente.

Lange ließ wissen, dass er der Theodor Storm-Gesellschaft beigetreten wäre, weil ihn dessen Lyrik und Leben in besonderem Maße berühre und betroffen mache. Zum zweihundertsten Geburtstag des Lyrikers komponierte er schließlich zwei Lieder-Zyklen, die er mit "Lieder des Tages" und "Bilder der Nacht" übertitelte.

Kongenialer Partner seines Pianisten-Bruders war an diesem Abend der Bariton Sebastian Noack, ein Meisterschüler Dietrich-Fischer-Dieskaus. Mit Auszeichnung schloss dieser sein Studium ab. Was er gesanglich zu bieten hatte, rechtfertigte alle Preise, die er im Laufe seiner Karriere einheimste. Interpretation und Artikulation waren vom Feinsten, wobei seine Stimmgewaltigkeit wohl eher mit brachial als mit fein zu umschreiben wäre. So brachte er mit seinem Stimmvolumen stellenweise den Raum fast zum Erbeben.

Er tauchte dabei, wie auch Manuel Lange völlig in die Musik ein. Beide zogen von Beginn an das Publikum in ihren Bann. Hatten die Schubert-Lieder stellenweise auch noch etwas Forsches und Lebhaftes, überwogen bei den Storm-Vertonungen Schwere und Dramatik. Das entsprach in hohem Maße den Gedichten, die bei dieser einfühlsamen musikalischen Ausführung fast keine Worte benötigt hätten. Marius Felix Lange ergriff die Stimmungen der Texte komplett und bewegte sich kompositorisch entsprechend auch einmal in Dissonanzen und offenen Akkorden, um der Schwere noch mehr Gewicht zu verleihen. Bei "Vereinsamt", dem einzigen Gedicht Friedrich Nietzsches (1844-1900) innerhalb des Storm-Zyklus, ist allein aus pianistischen Figuren heraus die Handlung erlebbar: "Die Krähen schrein und ziehen schwirren Flugs zur Stadt. Bald wird es schnei'n, - wohl dem, der jetzt noch-Heimat hat!"

Schubert-Lieder lassen aufatmen

Die Schubert-Lieder, die am Ende den Vortrag abrunden, wirkten dann schließlich fast wie ein Aufatmen dank ihrer Lebhaftigkeit. Das große Finale bot jedoch nochmals ein an Dramatik kaum zu überbietendes Stück: "Der Erlkönig" von Goethe. Die beiden Akteure legten all ihre verfügbare Intensität hinein und wurden mit großem anerkennendem Beifall bedacht.

Als zweite Zugabe ertönte das wohl bekannteste Lied Schuberts "Die Forelle" (Forellenquintett). Fast ein Stimmungsaufheller nach so viel "Schwergewichten".