KRZ 16.10.2018 - Die Zuhörer mit Klang überschüttet

Stürmisch: Das mit einem Echo ausgezeichnete Notos Quartett hat am Sonntag im Schloss Dätzingen das Publikum begeistert

Jung und ausdrucksstark: das Notos Quartett und der Kontrabassist Wies de Boevé zu Gast beim Kulturkreis Grafenau im Dätzinger Maltesersaal Foto: Simone Ruchay-Chiodi

Sie zählen zu den Shooting Stars der Klassikszene, viel gelobt und häufig ausgezeichnet: das Notos Quartett. Am Sonntag haben die jungen Musiker auf Einladung des Kulturkreises Grafenau die neue Saison der Schlosskonzerte im Dätzinger Maltesersaal eröffnet.

Artikel vom 15. Oktober 2018 - 19:06

Von Jan Renz

DÄTZINGEN. Ihre Debüt-CD wurde gleich mit einem Echo Klassik bedacht, den sie im Zuge des Skandals um den Pop-Echo wieder zurück gaben. Damit haben sie Mut bewiesen und sich in der Klassikwelt einen Namen gemacht. Sie waren die ersten, die den Preis zurückgaben und lösten damit eine Protestlawine aus: Weitere bedeutende Musiker wie Daniel Barenboim oder Marius Müller-Westernhagen schlossen sich ihnen an und gaben ihre Auszeichnung zurück.

Das war der Anfang vom Ende des Preises: Der Bundesverband Musikindustrie schaffte im April dieses Jahres den Echo komplett ab. An seine Stelle tritt nun der Opus-Preis. Man darf gespannt sein, ob auch das Notos Quartett damit ausgezeichnet wird. Gut genug ist es.

Bereits im Oktober 2014 war das junge Ensemble zu Gast im Maltesersaal von Schloss Dätzingen. Damals fiel das stürmische Spiel auf. Auch diesmal gingen sie mit unwiderstehlicher Verve zur Sache. Bei Franz Schubert war das grenzwertig, bei Ralph Vaughan Williams (1872-1958) angemessen. Schon bei den ersten Tönen wurden die vielen Zuhörer im Maltesersaal förmlich mit Klang überschüttet. Wieder hatte man das Gefühl, dieser Klang sprenge den Rahmen des kleinen Konzertsaals.

Man hört es: Das Notos Quartett ist es gewohnt, in den großen Sälen der Welt aufzutreten und sie mit ihrem Klang zu füllen Ihr Repertoire umfasst rund 70 Werke, darunter sind auch unbekannte Perlen. Kein Juwel, aber hörenswert das erste Werk: Ralph Vaughan Williams Klavierquintett in c-Moll. Der Brite orientiert sich in der Besetzung an Schuberts Meisterwerk, dem "Forellenquintett", das nach der Pause erklang: Streichtrio trifft auf Kontrabass und Klavier.

Wie Johannes Brahms so war auch Ralph Vaughan Williams extrem selbstkritisch: Er verbot ausdrücklich die Aufführung und Veröffentlichung seines Frühwerks, das seinen hohen Ansprüchen nicht genügte, darunter fiel auch sein Klavierquintett, das zwischen 1903 und 1905 entstand. In dieser Zeit fächert sich ja die Musikgeschichte auf: die unterschiedlichsten Stile existieren nebeneinander.

Ob Gustav Mahler, Richard Strauss, Claude Debussy, Maurice Ravel oder auch Igor Strawinsky: Jeder von ihnen verfolgt einen eigenen Weg. In dieser Zeit experimentierte Arnold Schönberg bereits mit der Atonalität. Davon ist bei dem jungen Vaughan Williams nichts zu spüren. Es ist die Welt eines Johannes Brahms, die ihm nahe steht. Mit überbordendem Klang führte das Notos Quartett dieses 30-Minuten-Werk auf. Interessant der zweite Satz: die hellen Klänge des Klaviers dominieren über weite Strecken, dann aber dürfen die Streicher aufblühen und ihre Klangkultur beweisen, reine Spätromantik des 19. Jahrhunderts. Eingebunden in den Klang des Notos Quartetts war der Kontrabassist Wies de Boevé, 1987 in Belgien geboren, sehr erfolgreich bei Wettbewerben wie dem ARD-Musikwettbewerb 2016. Sein Kontrabass konnte enorm nobel klingen. Er sorgte für die dunklen Farben, etwa am Ende des ersten Satzes.

Käfer auf den Klaviertasten: Musiker nehmen's mit Humor

Nach diesem unbekannten Werk erklang eines der berühmtesten Werke der Kammermusik: das "Forellenquintett" von Franz Schubert, viel geliebt und gerne aufgeführt. Die Besetzung war vom Auftraggeber angeregt, außerdem wünschte er Variationen über das Lied, das es ihm so angetan hatte: "Die Forelle", aus dem Jahr 1817. Zwei Jahre später entstand das Klavierquintett.

Der Schubert der jungen Musiker ist nicht verzärtelt, kein Biedermeierzwerg, sie packen ihn nicht in Watte. Er schuf über 600 Lieder, war aber auch auf der Suche nach der großen Form. Vor allem: Er lebte im Schatten Beethovens, und das unterstrichen die fünf Musiker jederzeit. Schon im ersten Satz flogen die Fetzen. Die Akzente schmerzten fast. Schön gelangen aber die Klangverwandlungen. Im zweiten Satz bewiesen sie die Sensibilität ihres Zusammenspiels. Den dritten Satz gingen sie sehr schroff an, fast ruppig. Hier kam es zu einem kuriosen Zwischenfall: Ein Käfer hatte sich auf die Tastatur der Flügels verirrt, so dass die Pianistin Antonia Köster abbrechen musste. Die virtuosen Musiker nahmen es wie das Publikum mit Humor und setzten noch einmal an, mit satten stampfenden Akkorden.

Danach klang der Variationensatz über das Lied "Die Forelle" umso lyrischer. Aber nie zart oder zärtlich, auch hier: üppiger Klang. Die Instrumente geraten energisch ins Singen. Schubert verwandelt nicht das Material wie Beethoven, sondern schmückt es aus, verklärt es manchmal.

Alle Instrumente dürfen das Thema einmal singen: ob Klavier oder Cello. Einmal reicht die Geige der Bratsche das Thema weiter, die es dankbar übernimmt. Die Fünf legten eine große Steigerung an. Im fünften und letzten Satz fielen zwei Dinge auf: die brillante Spiellust und die enorme Klangfülle. Sie zeigten einen eruptiven, ungestümen Schubert, wie man ihn selten hört. Dafür gab es viele Bravos.