Lebensfreude pur in alten Schlossgemäuern

Ensemble "Vucciria" verbreitet beim Dätzinger Schlosskonzert sizilianisches Flair im Maltesersaal

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Artikel vom 05. Juni 2016 - 17:06

Von Bernd Epple

DÄTZINGEN. Wo es sonst eher gediegen klassisch zugeht, pulsierte am Freitagabend das Leben. Schon der Ankündigung des Kulturkreises Grafenau war zu entnehmen, dass Konzertveranstalterin Marion Köpf den Weg in neue Gefilde wagte. "Vucciria - dieses lebenslustige Ensemble ,live zu hören, ist ein ganz besonderes Erlebnis . . . und jeder noch so griesgrämige Konzertbesucher wird das Konzert mit einem breiten Lächeln verlassen" war da zu lesen.

Große Töne, konnte man meinen; der Blick in die glücklichen Gesichter der Besucher zeigte jedoch, dass der Kulturkreis zweifelsohne keine falschen Versprechungen machte und an diesem Abend einen Volltreffer landen konnte.

Schon die Bühne des Maltesersaals deutete zu Beginn auf bunte Vielfalt hin. Akkordeon, Gitarren, allerlei Rahmentrommeln, Cajon, Djembe, Klarinette, Sopransaxofon und Flöten ließen Neugierde aufkommen. Fünf Herren betraten den Saal, griffen nach ihren Instrumenten und zündeten ein Feuerwerk. Eine sizilianische Tarantella, die das Stillsitzen schon schwer machte, ließ den Funken umgehend aufs Publikum überspringen, welches fortan Bestandteil des Gesamtgeschehens wurde. Dazu trug auch bei, dass mit Peppe Perna (Gitarre, Gesang) und Toti Denaro (Percussion, Gesang) zwei Conférenciers auf der Bühne standen, die es glänzend verstanden, mit den Besuchern zu kommunizieren.

Beide hatten sich vor zehn Jahren im Rahmen einer Pippo Pollina-Tour in Graz kennengelernt. Denaro war damals Drummer des bekannten sizilianischen Barden Pollina und Perna arbeitete für die Booking Agentur. Der Beschluss, gemeinsame Sache zu machen war schnell gefasst. Die beiden Sizilianer machten sich auf den Weg, die Musik ihrer Heimat dem mitteleuropäischen Publikum zugänglich zu machen. Mit Manu Mazé (Akkordeon, Gesang) und Nicoló Loro Ravenni (Holzblasinstrumente, Gesang) fanden sie geeignete Mitstreiter, die, obwohl nicht mit sizilianischen Wurzeln versehen, diese Musik und Mentalität leben.

Da man im vollbesetzten Maltesersaal komplett auf Verstärkungstechnik verzichtete, wurde die Gitarre für dieses Konzert mit dem österreichischen Gastmusiker Manfred Temmel doppelt besetzt. Im Publikum waren auch einige Sizilianer auszumachen. Sie freuten sich natürlich besonders über die Klänge ihrer Heimat. Lieder wie "La Crozza" oder "A la Mattanza" kennen sie schon von Kindesbeinen an.

Vucciria, nach einem Markt in Palermo benannt, beschränkt sich jedoch keinesfalls nur auf traditionelle sizilianische Weisen, sondern kreiert vornehmlich zeitgenössische Kompositionen, die mit alter Musiktradition verschmelzen. Das Eigene in der Interpretation des sizilianischen "Dolce Vita" verlieh den Vorträgen eine höchstlebendige und humorvolle Note. Als "Kulturbeauftragter" der Gruppe gab Denaro einen äußerst interessanten Exkurs über die wichtige Bedeutung der süditalienischen Rahmentrommeln, die in allen Größen vom kleinen Tamburello bis zur großen Tammorra zum Einsatz kamen. Mit humorvollen Hintergrundgeschichten demonstrierte er neapolitanische, apulische, kalabrische und sizilianische Schlagtechniken. Seine wahnwitzig flinke Handballen- und Fingertechnik versetze das Publikum in raunendes Staunen und wurde mit frenetischem Beifall quittiert. Überhaupt kamen alle Stücke in solch einer feurigen Rhythmik daher, sodass der Zuhörer gar nicht anders konnte, als mitzugehen. Dazu gesellte sich eine präzise aufeinander abgestimmte Instrumentenbeherrschung aller Musiker.

Gegen Ende des Konzertes wurden die Besucher immer mehr in das Geschehen miteinbezogen, sangen Refrains mit, klatschten Rhythmen und wurden gar zu kleinen Konversationen mit den Musikern eingeladen. Schließlich tobte der ganze Saal und Zugaben waren die logische Konsequenz. "Sollen wir noch etwas gemeinsam singen?" fragte Perna. Es kam ihm ein laut schallendes "Ja!" entgegen und so wurde der Abend vollends zur "Festa".

Die Gebrüder Rosario und Giuseppe Spitale, die über die Vorankündigung der KRZ ihren Weg von Böblingen ins Dätzinger Schloss gefunden hatten, fassten ihre Eindrücke nach dem Konzert so zusammen: "Kuchen backen kann jeder, aber die Kirschen oben drauf kann nicht jeder liefern!" Vucciria hat den beiden Sizilianern, die in den 60er Jahren nach Böblingen kamen, ein funkelndes Lächeln ins Gesicht gezaubert und nicht nur sie gingen fröhlich und beschwingt nach Hause.