03.06.2014
    Kultur

Kräftige Tastenspiele zu vier Händen

Die Pianistinnen Sae-Nal Lea Kim und Marie-Luise Bodendorff sind bei den Dätzinger Schlosskonzerten am Samstag aufgetreten

ZoomSae-Nal Lea Kim und Marie-Luise Bodendorff: Einen emotional entschiedenen Abend im Dätzinger Schloss gestaltet Foto: Barbara Frommann

Die beiden Pianistinnen wollten mit ihrem Programm aufzeigen, inwieweit folkloristische Momente Eingang in die hehre Welt der Klassik gefunden haben. Der emotional entschiedene Abend im voll besetzten Maltesersaal des Dätzinger Schlosses brachte dazu keine neuen, aber doch interessante Erfahrungen.

VON WOLFGANG TEUBNER

DÄTZINGEN. Früher war es üblich, über den Weg des "verdoppelten" Klavierklanges in Sinfonien und Opern hineinzuhören, von den Partituren wurden in der Regel vierhändige Klavierauszüge verfasst. Aber auch Originalwerke gibt es aus allen Epochen reichlich. Der Dätzinger Abend brachte eine kleine Auswahl davon. Für die Pianisten ist es eine andere Art des Klavierspiels, als wenn man allein vor den Tasten sitzt. Das bedarf einer großen Übung, sich nicht in die Quere zu kommen, da muss jeder Übergriff und jede Bewegung abgesprochen und geübt sein. Noch wichtiger aber ist die musikalische Übereinstimmung, die hier beinahe detailgenauer sein muss als bei getrennt sitzenden Kammermusik-Partnern: Hier geht es darum, als ein einziges Instrument zu wirken. Es gibt bekannte Klavierduos, das Vierhändig-Spielen ist in Deutschland aber nicht so populär wie in anderen Ländern.

Sae-Nal Lea Kim und Marie-Luise Bodendorff gingen zunächst eigene Wege, jede gewann einzeln die für eine Karriere heute so wichtigen Preise. Seit 2011 musiziert man zusammen, 2012 wurden die beiden in die 57. Bundesauswahl "Konzerte junger Künstler" aufgenommen. Ihre Spielweisen sind sehr ähnlich, oder sie haben sich inzwischen angeglichen. Sie vertreten ein mehr kräftiges Tastenspiel, das sich größtenteils in oberen dynamischen Bereichen bewegt. Zum Glück hatte man den Flügeldeckel nur ganz wenig geöffnet, sonst wäre es für den Raum zu laut geworden. Dabei geht es den beiden vordergründig nicht um die Darstellung ihrer mechanisch-technischen Fähigkeiten oder um eine virtuose Oberflächenpolitur. Bei ihnen wird nicht einfach Musik reproduziert: Diese jungen Pianistinnen verstehen zu transformieren und durchaus intensiv zu gestalten.

Zum "Einhören" hatte man die C-Dur-Sonate KV521 von Mozart gewählt, die alle Kriterien der späteren Werke des Abends schon vorausnahmen: zupackende Energien im ersten Satz, ausdrucksvolle langsame Töne im Andante und beträchtliche Virtuosität mit zahlreichen Kontrastmomenten im Schluss-Rondo. Das hatte alles Spannung und Eindringlichkeit, klanglich deutlich aus einem anderen Register gezogen gegenüber einem einzelnen Spieler.

Da wird deutlich, dass das Klavier eigentlich ein Schlaginstrument ist

Zur Sache ging es dann bei den Vier norwegischen Tänzen op.35 von Edvard Grieg. Schon in ersten Satz, einem Allegro marcato, wurde einem wieder bewusst gemacht, dass ein Klavier eigentlich ein Schlaginstrument ist: Die Tonerzeugung erfolgt ja mittels Hämmer. Die beiden Mittelsätze gaben sich dann moderater, doch auch hier dominierten rhythmische Kraft und Kristallklang. Das Allegro molto zum Schluss wurde im energischen Zugriff in weite dramatische Bögen eingeteilt.

Nach der Pause folgten drei der insgesamt 21 "Ungarischen Tänze" von Johannes Brahms. Die beiden Pianistinnen gaben sich der leidenschaftlich drängenden Rhythmik hin und zauberten die glutvollen Harmonien sehr eindrücklich. Da war viel manuelle Meisterschaft im Spiel und eine Klangkoloristik, die nicht in den Noten steht. Zum Schluss die Sechs Stücke op.11 von Sergej Rachmaninow. Hier brachte das an sich liebevoll gestaltete Programmheft eine Einführung nur in Englisch, was allerdings viel Anlass zum Schmunzeln gab.

Man hatte das Werk wegen dem "Thème russe" im dritten Satz hinzugenommen, einem populären Lied der Wolga-Schiffer. Aber auch die anderen Sätze, insgesamt alles Salonstücke von Eleganz und musikalischer Ornamentik, passten ihrer nationalen Färbung wegen ganz zu dem vorgegeben Thema. Bei diesem Stück hatten die beiden Pianistinnen die Plätze getauscht, und Marie-Luise Bodendorff spielte hier den oberen Part. Es gelang diesmal eindrücklich, auch die Mittelstimmen zu konturieren, also die beiden Innenhände expressiv zum Sprechen zu bringen. Auch wenn die Musik Rachmaninows vielleicht nicht jedermanns Geschmack ist: Die Wiedergabe gab sich äußerst lebendig. Viel Beifall für den gelungenen Abend und eine Zugabe: noch einmal ein Ungarischer Tanz von Brahms.

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