Vollblutmusik, Vogelgezwitscher: Familienkonzert im Dätzinger Schlosshof

Bettina Kriegbaum, ihr Bruder Hans-Christian Schwarz und seine Kinder sind im Dätzinger Schlosshof aufgetreten

Die Familie Schwarz hätte sich für diese Premiere keine bessere Kulisse wünschen können. 

Nach regnerischen Tagen schien am Konzertabend die Sonne: 

So konnte die angekündigte Serenade im Hof von Schloss Dätzingen stattfinden.

Artikel vom 08. Juli 2018 - 17:54 Von Jan Renz

DÄTZINGEN. Man genoss die angenehmen Temperaturen, in das kultivierte Spiel der sechs Vollblut-Musiker mischte sich Vogelgezwitscher. Über 200 Besucher waren in den Schlosshof gekommen, um ein Familienkonzert der besonderen Art zu erleben.

Der Cellist Hans-Christian Schwarz hatte einen weiten Weg zurückgelegt, und doch war es fast ein Heimspiel. Hans-Christian Schwarz ist wie seine Schwester Bettina Kriegbaum in Böblingen aufgewachsen, in der Breslauer Straße, um genau zu sein. Beide Musiker sehen sich nicht zu oft. Ihn hat es nach Lübeck verschlagen, während seine Schwester weiterhin in Böblingen lebt. Der preisgekrönte, jugendlich wirkende Musiker ist heute Solocellist des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck. Schwarz und Kriegbaum führten 1999 im Hof von Schloss Dätzingen Brahms erstes Sextett op. 18 auf, und damit begann auch in diesem Jahr das Programm. Der große Unterschied: Der Cellist hatte seine drei Kinder mitgebracht, die sicher ihr Hobby Musik zum Beruf machen werden. Im privaten Rahmen musizieren sie öfter zusammen, aber diese Konstellation war eine Premiere. Böblingen, Lübeck, Leipzig und Berlin mussten verbunden werden. "Es war ein großer organisatorischer Aufwand", sagte der Cellist Hans-Christian Schwarz nach dem Konzert. "Aber es hat sich gelohnt." Das fanden auch viele Besucher. Das Programmheft des Dätzinger Konzerts war so umfangreich wie noch nie. Jeder der sechs Akteure wurde vorgestellt, jeder hat schon Erstaunliches erreicht.

Die jüngste, Lisa, Jahrgang 2000, geht noch zur Schule, in die 12. Klasse in einem Lübecker Gymnasium, musiziert aber bereits im Bundesjugendorchester, einem Spitzenensemble. Wer dort spielt, hat es geschafft. Ihr Bruder Jonathan, der älteste der drei Kinder, kennt dieses Ensemble sehr gut, war er doch dessen Konzertmeister von 2014-2015. Er hat mit Stardirigenten wie Simon Rattle, dem scheidenden Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, zusammen gearbeitet. Den Auftritt im Schlosshof am Samstag hat er sehr genossen. "Toll" war die Kooperation mit dem Vater. Seine große Leidenschaft ist die Kammermusik. Man hörte es in Dätzingen: Immer wieder tat der Bratscher sich klangschön und markant hervor, um sich dann wieder sensibel einzuordnen. So eröffnete er mit apartem Klang den zweiten Satz des Brahms-Sextetts. Immer wieder setzte er Akzente. Jonathan ist heute Konzertmeister im Kammerorchester "Eroica Berlin".

Kammermusik als Passion: Mit seinem Bruder Lukas, dem Cellisten, und dem Pianisten Jakob Linowitzki bildet er seit 2012 ein Klaviertrio. Sie waren schon beim Schleswig-Holstein-Musik-Festival zu Gast! In dieser Besetzung ist man noch nie aufgetreten. Jonathans Tante Bettina übernahm die zweite Geige, am ersten Pult saß Carlos Johnson, seines Zeichens Erster Konzertmeister des Philharmonischen Orchesters Lübeck. So viele Werke für diese Besetzung gibt es gar nicht. Zu den berühmtesten gehören das erste Sextett von Johannes Brahms und die sinfonische Dichtung "Verklärte Nacht" von Arnold Schönberg.

Brahms und Schönberg, einundvierzig Jahre trennen sie, der eine gilt als konservativer Komponist, der andere als bahnbrechender. Trotzdem hat Schönberg von Brahms gelernt. Brahms war ein sehr formbewusster Künstler und ein Meister der Variation: Er geht von einem Motivkern aus und bildet ihn um. Dafür hat Schönberg den Begriff "entwickelnde Variation" geprägt. Am Samstag konnte man das verfolgen. Brahms beschäftigte sich intensiv mit dem Volkslied. Mehrere Jahre arbeitete er an seinem ersten Sextett. Ein volkstümlicher Ton verbindet die Sätze. Geprägt ist der Zyklus durch Tänze: mal erklingt ein Ländler, mal ein Walzer. Geradezu schwärmerisch musizierten die Akteure, filigran und klangselig. Die sechs Musiker harmonierten nicht nur prächtig, sondern auch farbenprächtig. Eine Fülle an Stimmungen entwarfen sie.

Mit einer weiten gelösten Melodie eröffnete Hans-Christian Schwarz den Finalsatz des Brahmssextetts.

Im Schönberg-Werk wurde aus den sechs Musikern ein Orchester. Dunkel und geheimnisvoll gingen sie die sinfonische Dichtung an. 1899 komponierte Schönberg in nur drei Wochen "Verklärte Nacht", nach einem Gedicht von Richard Dehmel. Das Nachtsujet im Titel deutet es an: Schönberg knüpft an Wagners "Tristan und Isolde" an. In diesem Werk verbindet Schönberg Brahms und Wagner. Schönberg reizt die Tonalität aus und geht oft an ihre Grenze. Hitzig geht es zu, wie in den fiebrigsten Passagen von Wagners "Tristan". Mit großer Intensität wurde das wiedergegeben. Zehn Jahre später schrieb Schönberg seine ersten atonalen Stücke. Serenaden sollen heitere Angelegenheiten sein. Deshalb erklang gegen Ende Filmmusik von Ennio Morricone: "Cinema paradiso". Natürlich war das eine andere Welt, harmonisch viel glatter als Schönberg. Der Abend endete mit einem rassigen Tango von Astor Piazzolla: "Oblivion", beide Werke erklangen in Arrangements von Carlos Johnson. In dieser Besetzung traten sie zum ersten Mal auf. Die Familie ist so oft gar nicht zusammen und nur selten in der Region, aber viele Bekannte und Verwandte aus der Region kamen zu diesem Familienkonzert. Im Publikum machte man viele junge Gesichter und einige Profimusiker aus. Jonathan strahlte am Ende des Konzerts, er wie auch seine Mitstreiter können sich gut vorstellen, öfter zusammen aufzutreten. Das Dätzinger Konzert wurde einen Tag später wiederholt: im Cusanushaus in Stuttgart. Es gab am Samstag übrigens eine Zugabe: die rührige Organisatorin der Dätzinger Schlosskonzerte, Marion Koepf, hatte Geburtstag. So spielten die sechs Musiker für sie schmissig den Wiener Walzer von Johann Strauß op. 325 als Geburtstagsständchen.