In der Höhe fühlt sie sich wohl

Opernsängerin Diana Haller war am Sonntag im Rahmen der Schlosskonzertreihe des Kulturkreises Grafenau zu Gast

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Diana Haller (links) und Katharina Landl / Fotos: red/Ruchay-Chiodi

Artikel vom 18. Oktober 2016 - 16:28

Von Jan Renz

DÄTZINGEN. Wer große Stimmen hören möchte, muss nach Stuttgart gehen. Das dortige Opernhaus verwöhnt anspruchsvolle Melomanen, also Musikbesessene mit erlesenem Geschmack. Manchmal kommen bedeutende Sänger aber auch in die Region, nach Sindelfingen, Waldenbuch oder Dätzingen. Im dortigen Schloss stellte sich nun eine junge Mezzosopranistin vor, die in den letzten Jahren eine steile Karriere gemacht hat: Diana Haller.

Ihre Stimme füllt die großen Häuser. Die 29-Jährige tritt in der Dresdner Semperoper oder in der New Yorker Metropolitan Opera auf. Bei den Salzburger Festspielen sang sie an der Seite von Anna Netrebko und Placido Domingo (einem der größten Tenöre überhaupt). Seit sechs Jahren ist sie Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart. Die Kritiker der Zeitschrift "Opernwelt" kürten sie 2013 zur Nachwuchssängerin des Jahres.

Im Maltesersaal von Schloss Dätzingen widmete sich die Opernsängerin dem Lied. Für sie ist das vertrautes Terrain: 2014 gab Haller eine CD mit Liedern von Robert Schumann und Hugo Wolf heraus. Zwei Jahre zuvor hatte sie den ersten Preis beim Internationalen Hugo-Wolf-Liedwettbewerb in Stuttgart gewonnen, zusammen mit ihrer Klavierpartnerin Katharina Landl, die auch beim Dätzinger Konzert am Flügel saß. Die Mezzosopranistin mit italienisch-kroatischen Wurzeln wurde 1986 im kroatischen Rijeka geboren. Dorthin kehrte sie dieses Jahr zurück, am Kroatischen Nationaltheater sang Haller die Titelpartie in einer Händeloper. In Dätzingen brachte sie auch Musik aus ihrer Heimat zu Gehör.

Dass sie eine riesige, üppige Stimme besitzt, die fast den kleinen Saal sprengt, wurde bereits am Anfang deutlich: bei drei Liedern von Franz Schubert. In "Sehnsucht" D 879 findet sich die Zeile: ". . . dass ich singen darf". Natürlich hebt die Mezzosopranistin diese Worte hervor. Von der Sehnsucht ist auch im Lied "Die Taubenpost" die Rede. "Kennt ihr sie?" Ein opernhafter Schubert, kein verzärtelter, kein weicher, sonorer.

Diana Haller begnügte sich bei ihrem Dätzinger Liederabend nicht mit großen Namen (Schubert, Mahler, Rossini), sie sang Werke von kroatischen Komponisten, die man sonst nie hört. "Einsamkeit" von Blagoje Bersa (1873-1934) gab sie inständig und markierte das Schlüsselwort "elend". Der Komponist bedient sich hier der deutschen Sprache. Seine Kollegen, Josip Hatze etwa, benutzen das Kroatische, und deshalb waren die deutschen Übersetzungen im Programmheft abgedruckt. Josip Kaplans (1910-1996) "Dugo u noc" ("Lange in der Nacht") beginnt mit einfachen Klavierakkorden, die sich verdunkeln. Expressive Farben steuert die Sängerin bei. Durchdringend klingt die Stimme in der Höhe, aber beim letzten Wort "noc" (Nacht) nimmt sie sich zurück.

Haller zur Seite saß die Pianistin Katharina Landl, die schon einmal in Dätzingen zu Gast war, eine Musikerin mit eigenem Profil und flexiblem Anschlag.

Nach der Pause Gustav Mahler. Der große Sinfoniker war auch ein Meister des Liedes, ein Virtuose der Verdichtung, der mit wenigen Tönen Atmosphäre schaffen konnte. Im "Rheinlegendchen" geht es noch relativ harmlos, heiter und humorvoll zu. Das "Urlicht" ist eine ganz andere Welt, es stammt aus Mahlers "Wunderhorn-Liedern" und beginnt düster: "Der Mensch liegt in größter Not." Ganz verinnerlicht, mit großer Gestaltungskraft sang Haller das. Für Mahler ist diese Musik zentral und findet Einzug in seine zweite Sinfonie.

Fast gehaucht sang die Sopranistin den Anfang, sensibel das "da kam ich auf einen breiten Weg". Die Stimme gewann an Kraft und formte das "nicht abweisen" etwas energischer. Nach dieser leisen und doch bannenden Interpretation war es im fast ausverkauften Maltesersaal lange still. Das Publikum folgte aufmerksam.

Das Duo endet beim venezianischen Ruderwettstreit

"Von meinen Farben umgeben", so begann der Rossini-Block des Abends. Beide Künstlerinnen stellten hier ihr Temperament unter Beweis. Einzelne Wörter wie "Crudel" erhielten eine ganz eigene Färbung. "Aragonese" von Rossini ist ein kurzes Lied. Es endet mit den Worten "Non lo sperar da me!" - "Erwart es nicht von mir!" Diese fünf Worte werden mehrmals wiederholt, immer drängender, immer dramatischer, immer kunstvoller, da glänzt die Sängerin mit ihrer Technik, demonstriert ihre Geläufigkeit, inszeniert mühelos halsbrecherische Koloraturen. Haller sang den Abend über mit elektrisierender Intensität. Immer wieder eroberte sie die höchsten Töne: In der Höhe fühlt sie sich wohl.

Das Duo endete in Venedig: "La regata veneziana" ("Der venezianische Ruderwettstreit"). Pianistin und Mezzosopranistin musizierten hier nicht um die Wette, sondern wirbelten gemeinsam durch dieses dreiteilige Schlussstück. Dafür gab es die meisten Bravos. Zwei Zugaben: eine von Blagoje Bersa und eine von Hugo Wolf.