Dätzingen: Kammermusikabend im Schloss mit Cello und Klavier  

Elektrisierend bis zur Zugabe

Wer Tuchfühlung mit Koryphäen der klassischen Musik sucht, der hat im Maltesersaal gute Erfolgsaussichten auf engste Fühlungnahme. Das belegte wieder einmal das jüngste Konzertbeispiel. Cellistin Maria Kliegel gab mit Pianistin Nina Tichman ein Gastspiel im Schloss Dätzingen.

Es mag zwar bekanntere Namen auf der weltweiten Cello-Spielwiese geben, aber mit über einer Million verkaufter Tonträger spielt die Cellistin ganz, ganz oben mit. So ist für Maria Kliegel der Maltesersaal eine vergleichsweise kleine Bühne. Und es bedarf keines langen Wartens, um zu erleben, dass auch ihr knapp 300 Jahre altes Cello aus dem Hause Tononi ganz andere Reichweiten als die im Dätzinger Kammermusik-Mekka abdecken kann. Auch ohne Überdruck und Bürstenstrich entfaltet das edle Stück enormes Volumen.

Bevor Maria Kliegel aber die letzten Reserven auspackt, erschließen sich schon mit der noch stark der Tradition der Wiener Klassik verpflichteten Sonate von Georges Onslow zur Ouvertüre die großen Möglichkeiten des Instruments. Im launigen Finalsatz etwa entfacht das Cello blitzartig aufglühende Tonladungen auf kleinstem Raum, zeigt freilich schon im langsamen Satz die Beherrschung des Großraums mit geduldiger, bis zum kurzzeitigen Monument anwachsender Cellopose. Letztlich gewinnen Cello und Klavier mit wechselseitigen Vielfachimpulsen dem Stück weit mehr Edelmetall ab, als die kompositorische Substanz erwarten lässt.

Anders als Onslow ist Brahms e-Moll-Cellosonate ein Repertoire-Klassiker mit seinem berühmten elegischen Eingangsthema. Hier, in den ganz tiefen Lagen zeigt sich das Cello als kerniger Vertreter. Nicht der sanft-säuselnde Verführer, sondern ein mannhafter Charakter kommt da zu Wort.

Wie Kliegel dieses Thema aber bei der Höhenannäherung modelliert zu sanfter Milde, lässt diesen kleinen Ausschnitt zum Stellvertreter fürs große und mit extremer Leidenschaft gewürzte Sonatenganze werden: Bei aller offenen Konstruktion des Finalsatzes mit seinen Bachzitaten und vermutlichen Beethovenanspielungen, Cello und Klavier lassen keinen Zweifel, dass die so delikate wie schwierige Liebe zu Robert Schumanns Frau Clara einst Brahms’ Komponistenfeder führte. Hier, zu Brahms’ teils extrem breitem, von Nina Tichman mitunter auch energisch dargebotenem Klaviersatz beweist das Cello final, mit welch Wahnsinns-Rückgrat es sich selbst gegen solche Klaviergebirge zu stemmen versteht.

Anrührende und endlose Weiten der Wehmut verkündet das „Kol Nidrei“ Max Bruchs, von mediterran überschäumend bis recht kühl-nordisch mit ebenfalls deutlichen Bach-Referenzen und einem überraschend tückischen Prélude die Suite für Cello und Klavier von Camille Saint-Saëns. Einen Celloton, der zwischen bleichem Wispern und satt gebieterischer Körperlichkeit wandert und dazu wattig-tragende Klavierakkorde bietet das Duo bei dem „Lob auf die Ewigkeit Jesu“ aus dem Streichquartett Olivier Messiaens auf.

Zwei Zugaben von Bloch und Granados spendiert das Duo im Maltesersaal hintendrauf. Schön, aber nicht zwingend. Denn ein bis in die hintersten Reihen elektrisierender Kammermusikabend war es längst schon mit dem Hauptprogramm.

SZBZ 21.10.2015 - von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden